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Alles wie immer und doch ganz anders

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In den letzten zwei Jahren durfte ich immer mehr Babys und Kleinkinder behandeln. Sofort spürte ich, dass mir die Begleitung und Behandlung dieser ganz kleinen Patienten grosse Freude bereitet. Im Herzen wusste ich von Anfang an, dass dies meine Berufung ist.

Und auch jetzt denke ich an meine kleinen Patienten. Wo ist in diesen Krisentagen die Stimme der kleinsten Menschen unter uns, für die sich eigentlich nicht viel geändert hat und doch alles anders ist?

Letzte Woche hatten mein zweijähriger Sohn und ich einen ziemlich hektischen Morgen. Irgendwie schaffte ich es, berufliche Angelegenheiten mit den üblichen alltäglichen Abläufen unter einen Hut zu bringen. Doch aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund hatte mein Sohn kurz vor dem Mittagessen einen Ausbruch mit Tränen, Schreien und Stampfen. Nach 20 Minuten ist er völlig erschöpft in meinen Armen eingeschlafen, ohne Mittagessen. Inspiriert von einem Beziehungsratgeber möchte ich es nun wagen, unser doch eigentlich so normaler Morgen aus der Sicht meines Kindes zu erzählen:

«Ich erwache und schon wieder ist Papi nicht da. Warum ist jetzt eigentlich immer Mami zuhause? Mami wirkt irgendwie anders. Hat sie Angst? Ist sie traurig? Immer schaut sie auf ihr Telefon. Ich will auch Fotos auf dem Handy schauen.
«Nein, nicht jetzt, ich muss noch telefonieren.» Ok, dann aber jetzt Müesli mit Dattel bitte. «Wir haben keine Datteln mehr. Müesli kommt gleich, ich muss noch kurz was nachlesen» Endlich essen wir Frühstück. Jetzt will ich spielen, mit Mami. «Nein, fang du schon mal an, ich muss noch etwas organisieren, komme sofort». Und dann plötzlich muss ich mich anziehen, Zähne putzen und schnell nach draussen gehen. Aber jetzt will ich doch mit Mami spielen. Mami wird ganz komisch und schimpft «wir haben keine Zeit jetzt, ich muss noch ein paar Dinge erledigen» Ok, in die Drogerie gehe ich gerne, dort gibt’s Apfelringe und eine Spielecke für Kinder. In der Post kann ich heute keine Kinderbüechli anschauen, die sind alle weg. Mami lässt mich auch nicht aus dem Kinderbuggy. Verstehe ich nicht. In der Drogerie will ich spielen aber auch dort darf ich nicht frei herumlaufen. Juhui, Mami hat bezahlt, jetzt gibt mir die Verkäuferin wie immer ein Apfelringli. Aber Mami nimmt den Wagen und läuft nach draussen. Ich will aber jetzt ein Apfelringli. Mami sagt: «zu Hause vielleicht. Wir haben noch selbst gemachte.» Ich will aber jetzt! Dann sehe ich Grosspapa und Grossmama auf dem Balkon. Juhui, ich will mit Grosspapa spielen. «Nein» sagt Mami. «Wir brauchen noch etwas Geduld. Zuhause spiele ich mit dir». Ich will aber jetzt mit Grosspapa spielen und was bedeutet Geduld? Zuhause angekommen fängt Mami an zu kochen. Ich will jetzt ein Apfelringli. «Nein, jetzt nicht mehr. Schon bald gibt’s Mittagessen. Willst du mir nicht helfen beim Kochen?» und dann will ich nur noch schreien, und das tue ich auch!»

Auch kleine Kinder haben grossen Kummer! Das sollte uns genau in dieser Zeit bewusst sein. Denn die Kleinsten unter uns haben nicht die Möglichkeit, ihre Gefühle und Wahrnehmungen einzuordnen, zu verstehen oder sich verbal mitzuteilen. Sie verstehen nicht, warum aktuell eigentlich alles gleich ist und doch alles ganz anders. Verständlicherweise sind sie genau in dieser Zeit sensibler, suchen mehr Körpernähe zu ihren engsten Bezugspersonen oder, wie wir Erwachsenen es womöglich ausdrücken würden, sie sind anhänglicher und anstrengender. Auf jeden Fall sind die kleinen Menschen unter uns die Schwächsten von allen und dadurch die Verletzlichsten. Das sollten wir nicht vergessen.

Und was können wir Erwachsenen tun um diese grosse Herausforderung zu meistern? Ich denke der erste Schritt ist das Bewusstsein über unsere eigene Verfassung. Werden wir aktuell mit Ängsten konfrontiert? Sind wir überfordert, womöglich konstant gestresst? Wenn ja, dann sollten wir unbedingt wissen, dass wir unter Stress eine Situation nicht mehr logisch oder analytisch beurteilen können. Gleichzeitig verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und unser Einfühlungsvermögen nimmt ab. Es kommt folglich eher zu lauten Beschimpfungen oder im schlimmsten Fall sogar zu verbaler oder körperliche Gewalt.

Sind wir uns dessen bewusst, sollten wir in erster Linie also uns selbst gut wahrnehmen und scharf beobachten. Sobald die Wut, der Ärger oder die Ungeduld in uns aufsteigt gibt es unterschiedliche Strategien, die uns helfen Stress abzubauen und bewusst bei uns zu bleiben:

  • Den Raum verlassen, Kopf lüften und ein paar Mal tief Ein- und Ausatmen
  • Bewegung senkt augenblicklich unseren Stresspegel und kann starke Gefühle wie Wut auflösen. Beispiel: an Ort und Stelle wie wild joggen oder 10x den Hampelmann machen
  • Kind dem Partner überlassen oder sofort per Telefon Hilfe anfordern (Familie, Freunde, Hotline)

In dem Moment, in dem wir Erwachsenen uns selbst bewusst wahrnehmen und eine für uns passende Strategie anwenden, gelingt es uns, den Kontakt zu uns selbst zu bewahren. Nur wenn wir ganz bei uns sind, können wir auch «in Beziehung» mit unseren Kindern bleiben und so Ihre Bedürfnisse wahrnehmen und einfühlsam darauf reagieren. Zudem leben wir dadurch unseren Kindern einen natürlichen und sinnvollen Umgang mit Ausnahmesituationen und akutem Stress vor.

Das Verhalten des Kindes ist oft nur der letzte Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt. Warum also sollten sie etwas ausbaden, das in unserer Verantwortung liegt?

Und noch etwas das mir sehr am Herzen liegt: Wir Eltern sind auch nur Menschen. Es geht jetzt nicht darum mit einem müden Lächeln unseren Kindern vorzumachen, dass alles normal ist. Es ist authentischer und menschlicher, jegliche Masken fallen zu lassen und dem Kind vorzuleben, dass auch grosse Menschen überfordert sein können. Mit dem Kind in einfacher Sprache über die Situation zu sprechen und die eigenen Gefühle zu schildern ist jetzt womöglich der ehrlichere Weg für uns alle. Das Kind nimmt unseren wirklichen Zustand so oder so wahr und je mehr wir unseren wahren Zustand verdrängen desto verwirrender und widersprüchlicher kann sich das auf die Gefühlswelt der Kleinsten unter uns auswirken.

Viele weitere Infos und gute Tipps findet ihr auf der Homepage: www.dureschnufe.ch unter der Rubrik «Familien».

Für Fragen rund um die Gesundheit eurer Kleinsten bin ich jederzeit per Telefon oder sms für euch da!

Härzlich
Ariana

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